Hinterher ist man bekanntlich immer schlauer. Doch darf es heute zweifellos als Glücksfall bezeichnet werden, dass in Mainz die von Planern wie Ernst May in den Sechzigerjahren verfolgten Ideen für eine „autogerechte Stadt“ nicht wie vorgesehen umgesetzt werden konnten. Die inzwischen meist stark geschädigten Relikte aus jener Zeit lassen das Ausmaß des automobilen Wahnsinns allerdings noch erahnen: So wie die nun zum Abriss freigegebene Mombacher Hochstraße, die ursprünglich einmal Bestandteil einer wuchtig durch allerlei Wohnviertel zu schlagenden „Stadtkerntangente“ hätte sein sollen. Die Beseitigung des 1327 Meter langen Bauwerks dürfte jetzt etliche Millionen Euro kosten. Bauwerk wird nicht mehr gebraucht Gebraucht wird die Stahlbetonkonstruktion, auf der früher täglich rund 10.000 Fahrzeuge zwischen Rheinallee und Mombacher Straße unterwegs waren, ohnehin nicht mehr. Der Verkehr wurde schon vor fünf Jahren auf ebene Erde verlegt, sodass nun, da der Abriss der Hochstraße bevorsteht, erst gar nicht mehr über einen Neubau nachgedacht werden muss. Gleichwohl dürfte es weit mehr als 25 Millionen Euro und zudem einige Jahre „kosten“, die tonnenschwere Spannstahlbrücke an der Zwerchallee niederzulegen, welche an der Schnittstelle von Neustadt und Mombach über Bahngleise und Straßenbahnschienen hinwegführt. Mit vorbereitenden Arbeiten, so zumindest hieß es bei der Vorstellung des bisher 185 Vorhaben zählenden Mainzer Baustellenplans für 2026, könnte noch in diesem Jahr begonnen werden. Die Beseitigung des laut Stadt irreparablen Bauwerks dürfte die Anwohner, darunter auch das Team des Mainzer Tierheims, möglicherweise noch bis 2029 beschäftigen. Nicht weit entfernt von dieser Baustelle liegt das Mombacher Unterfeld. Und ebendort erstreckt sich im Anschluss an die bereits neu gebaute Rheinquerung eine fast einen Kilometer lange Vorlandbrücke, die als Teil der A 643 den Verkehr zwischen Mainz und Wiesbaden aufnimmt. Auch dieses marode Betongebilde aus den Sechzigerjahren wird früher oder später weichen müssen, um Platz für eine neue Autobahntrasse zwischen Schiersteiner Brücke und Dreieck Mainz zu machen. In diesem Fall wird die Altlasten-Beseitigung, für die allerdings der Bund aufkommen muss, mit Sicherheit noch ungleich teurer sein. Beide Brücken wurden im Rausch der Sechziger eigentlich „für die Ewigkeit“ gebaut. Längst haben Stadtentwickler und Politiker aber lernen müssen, dass ewig in der Verkehrsplanung bestenfalls 50 Jahre bedeutet.
